Texterwelt, what's wrong with you?
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| Dieses Bild wurde offensichtlich mit KI erstellt 😏 |
Aktuell bin ich ja aus Gründen dabei, mich neu zu positionieren, und ich muss feststellen, dass sich der Markt verändert hat – und das leider teilweise nicht zum Besseren. Neulich habe ich einen Blick auf eine relativ gängige Jobbörse geworfen, und das, was ich gesehen habe, war – ich muss es leider so sagen – ziemlich dystopisch. Viele Texter suchen viele Jobs, und das teilweise zu Preisen, bei denen sich mir die Zehennägel hochrollen. Es war sogar eine Anzeige von einem „erfahrenen“ Texter dabei, die – ich sage es mal so – grammatikalisch sehr interessant war.
Was mich aber wirklich entsetzt hat, war ein „Coaching-Angebot“, das ich neulich zugeschickt bekommen habe. Was mich schon etwas misstrauisch machte, war der prompte Anruf, kurz nachdem ich mich auf Instagram registriert hatte (ja, ich war neugierig). Ich wurde gefragt, ob „man“ mir den kostenfreien Videokurs zuschicken dürfe. Ich so: „Ja, schicken Sie mir das mal, ich schaue es mir an.“
Der Kurs sollte etwa 45 Minuten dauern (Spoiler: Ich habe nach 20 Minuten verschenkter Lebenszeit abgebrochen). Den ersten Teil habe ich fast komplett übersprungen, da ging es um so aufregende Sachen wie: „Wo liegt in der Texterbranche eigentlich das Geld?“ Schon bei diesem Video beschlich mich übrigens das leise Gefühl, dass wir hier vollkommen falsch abbiegen.
Beim zweiten Teil bestätigte sich dann meine Vorahnung (leider). Da wurde tatsächlich erzählt, dass im Grunde genommen jeder (!) texten kann, der nur halbwegs eine KI bedienen kann. Jahrelange Expertise – scheißegal, KI regelt. SEO? Wird völlig überbewertet. Lesbarkeit? Duh, Bro! Weiterbildungen? Brauchste nicht, hast ja KI, die für dich denkt.
Alles, was „man“ machen muss, ist, den Befehl zu schreiben (der Ausdruck „Prompt“ kam übrigens nicht vor – allein das hätte mich schon misstrauisch machen sollen), den Text glattziehen und et voilà: Schon bist du Texter.
Auch die Auftragsfindung ist laut dem Coach übrigens ganz easy. „Man“ soll lediglich bekannte Firmen ansprechen oder anschreiben, die würden „einem“ dann schon die Aufträge förmlich hinterherwerfen, und „man“ würde „ganz locker“ so 3.000 Euro im Monat machen. Ab diesem Punkt war ich raus.
Leute, really? Wenn es so einfach wäre, dann hätte ich an jedem Finger einen Auftrag und könnte vermutlich meinen ganzen Texterfreundeskreis bei mir fest anstellen. Das Schlimme ist: Es gibt mit Sicherheit Menschen, die das glauben und dem „Coach“ noch ihr gutes Geld hinterherwerfen. Die Realität: Das Texterbusiness ist hart umkämpft, die „einfachen“ Sachen erledigt mittlerweile KI, und ein Unternehmen ab einer gewissen Größe hat in der Regel eine Marketingabteilung und fest angestellte Texter. Die warten eher nicht auf einen Copywriter, der ihnen KI-Texte um die Ohren klatscht.
Kleinere Unternehmen finden das Angebot vielleicht im ersten Moment geil, aber wenn die Texte nicht konvertieren und die Newsletter nicht geklickt werden, ist das böse Erwachen ganz schnell da – und dein Ruf als Texter ebenso schnell zerstört. Von eventuellen Rückforderungen fange ich gar nicht erst an. Vielleicht kommt auch deswegen ganz oft das Wort „nebenberuflich“ in den Sätzen des Coaches vor. Ein hauptberuflicher Texter, der seinen Job ernst nimmt, könnte und würde sich das nämlich nicht erlauben.
Ein Text ist nämlich mehr als ein Text – und ein Text, der verkaufen soll, erst recht.
P.S. Das Mentoring Programm, das ich aktuell absolvie, beschäftigt sich mit dem Thema Positionierung und wie ich mein Herzens-Business nachhaltig (neu) aufbaue. Also was komplett anderes als dieser sogenannte Coach anbietet.



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