Arbeitswelt, what's wrong with you: Ghosting ist die neue Absage
Seitdem ich mich also wieder aktiv auf dem Arbeits- beziehungsweise Auftragsmarkt bewege, stelle ich immer wieder fest, wie sehr sich diese Welt doch gewandelt hat - und leider nicht immer zum besseren. Ein Phänomen, mit dem ich immer wieder konfrontiert werde, ist das aktive Ghosting von potenziellen Auftrags- beziehungsweise Arbeitgebern. Erst neulich wieder. Ich sehe auf einem großen Portal einen Auftrag, deb ich ziemlich geil finde. Genau meine Kragenweite. Also natürlich sofort mein Profil hingeschickt und ich habe sogar eine Antwort bekommen (Achtung, der Plottwist kommt natürlich noch).
Man fände mein Profil und meine Erfahrung sehr interessant und passend für die Stelle, das Audit für die Aufgabe steht und theoretisch könnte man schon schon morgen damit starten. Nun möge ich doch bitte meinen Stundensatz und meine Verfügbarkeit mitteilen, man würde sich wieder bei mir melden wegen eines Starttermins. Ich sehr hoffnungsroh, weil geile Stelle und interessante Aufgaben, natürlich meinen Stundensatz mitgeteilt und sogar noch angeboten, anfangs preislich in der Anfangszeit entgegen zu kommen. Ihr ahnt es bestimmt, ich habe nie mehr was gehört. Vermutlich ist der Zuständige vom Stuhl gefallen, als er meinen Satz gesehen hat und ist seitdem krank geschrieben und konnte sich deswegen nicht melden.
Ein weiteres Beispiel: Man suchte eine Texterin für verschiedenste Aufgaben, die sich wieder sehr geil anhörten. Dieses Mal wollte man übrigens vorher das Portfolio sehen. Also ich wieder Unterlagen hingeschickt und hoffnungsfroh gewartet. Auch hier bekam ich wieder eine Antwort. Man suche eigentlich eher eine Texterin für Landingpages. Ob ich das denn könne? Natürlich kann ich, das gehört, für mich zumindest, zum kleinen Texter einmaleins. Also nett geantwortet, Stundensatz und Verfügbarkeit genannt und dann wieder.... Nichts....
Leute, ich bin erwachsen. Ich kann mit einer Absage leben. Ist euch mein Stundensatz zu teuer, können wir reden. Eine Lösung findet sich immer. Aber dieses Ghosting ist, leider muss ich das so direkt sagen, unter aller S**u. Ihr spielt mit den Hoffnungen von Menschen, einen geilen Auftrag eingetütet zu haben. Nur damit diese nach mehreren Tagen Hoffen feststellen müssen, dass diese umsonst war, Das macht was mit einem, selbst mit jemanden, der so hart ist im nehmen wie ich. Seit wann ist denn Ghosting bitte das neue Absagen geworden? Was ist so schlimm daran jemanden zu sagen, sorry, wir haben uns dann doch anderweitig entschieden (und das bitte, bitte nicht per Standard KI Absage).
Ich wage jetzt mal zu behaupten, dass die meisten damit besser leben können, als einfach ignoriert zu werden. Behandelt Menschen so, wie ihr selbst behandelt werden wollt – auch wenn der Stundensatz euch den Atem verschlägt.
Und falls sich der Zuständige von seinem Stuhlsturz erholt hat: Ihr habt meine Kontaktdaten. 😉



Liebe Miriam,
AntwortenLöschenDu hast es schon wieder getan, und ich bin schon wieder froh darüber. Denn was Du hier beschreibst, ist genau die Schmerzstelle, die in keiner Statistik auftaucht: dieses langsame Zerrieben werden zwischen kurzer Hoffnung und stillem Verstummen. Das Perfide am Ghosting ist ja nicht die Absage selbst, sondern dass keine kommt. Eine Absage hat einen Punkt am Ende. Sie schließt etwas ab. Man kann nach Hause gehen, mit hängenden Schultern vielleicht, aber man kann gehen. Beim Ghosting bleibt man stehen, mitten im Satz, mit dem mitgeteilten Stundensatz und dem Anfangs-Entgegenkommen in der Hand, und wartet auf jemanden, der nie zurückkommt. Das ist nicht nur unhöflich. Das ist eine sehr moderne Form der Grausamkeit, die sich dadurch tarnt, dass sie keine erkennbare Tat ist. Niemand tut Dir aktiv etwas. Es geschieht ja nur nichts. Und doch geschieht Dir genau dadurch eine Menge.
Was mich an Deinem Text wieder berührt, ist diese eigenartig würdevolle Mischung aus Frust und Selbstironie. Du jammerst nicht – Du benennst. Und Du benennst auch das, was die andere Seite eigentlich tun müsste: eine kurze Nachricht, ein "leider passt es nicht", drei Sätze, fertig. Das ist keine Höflichkeit aus dem Knigge, das ist schlicht Respekt vor der Zeit und Mühe eines anderen Menschen. Dass das offenbar als zumutbarer Aufwand empfunden wird, sagt mehr über den Zustand mancher Auftraggeber als über deren Workload.
Übrigens, falls Du einen Moment unfreiwilliger Komik brauchst: Ich habe mal über eine Begegnung am anderen Ende des Tisches geschrieben, Das kürzeste Bewerbungsgespräch der Welt (Klick auf meinen Namen). Da ist die Absage zwar erfolgt, aber anders als erwartet. Manchmal denke ich, ein bisschen mehr ehrliche Direktheit wäre allemal besser als das diplomatisch verkleidete Schweigen.
Und ja: Sollte der Zuständige wieder vom Stuhl aufstehen können – Deine Kontaktdaten hat er. Ein erwachsenes "Nein" wäre kein Beinbruch. Eher ein Schritt zurück Richtung Anstand.
Bleib stur, bleib präzise, bleib bei Deinem Satz.
Herzliche Grüße,
Ron